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BTX - Bildschirmtext

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Heute (31.12.2000) geht der Bildschirmtext vom Netz.
Nachruf auf ein Online-Urgestein

von Martín Konitzer

Die Geschichte des Bildschirmtextes, besser bekannt unter dem Kürzel Btx, ist eine Geschichte voller Missverständnisse: für die einen ist Btx das Musterbeispiel eines grandiosen Marketing-Flops und ein Holzweg der technischen Evolution, für andere die frühe, erfolgreiche Generalprobe von Dingen, die im Internet-Zeitalter inzwischen als ausgesprochen innovativ und "trendy" gelten - Online-Shopping, Telebanking, E-Mail, Chat. Welcher Deutung man sich auch anschließen mag, eines ist sicher:

Am heutigen Freitag nimmt die Deutsche Telekom ihren Btx-Dienst vom Netz. Ein Vierteljahrhundert nach seinem Start endet damit das erste Kapitel der Deutschen Online-Geschichte.

Begonnen hat das Online-Zeitalter hier zu Lande merkwürdigerweise mit einem Online-Möbel: einer Musiktruhe. In die hatte der britische Post-Ingenieur Sam Fedida Mitte der siebziger Jahre wundersame Elektronik eingebaut, die es möglich machte, Datensignale aus der Telefonleitung abzuzapfen und als Texte auf einem normalen Fernseher darzustellen. Im Frühjahr 1976 demonstrierte Fedida die Erfindung vor Postkollegen in Darmstadt und "surfte" per TV-Fernbedienung zu einer Datenbank nach London - Uraufführung für die neue Art von Volks-EDV, die die Öffentlichkeit schon ein Jahr später auf der Funkausstellung 1977 erstmals live testen konnte.

Erste Schritte im eCommerce

1980 ging Btx als erster Online-Service für ein Massenpublikum offiziell an den Start. Zunächst versuchsweise in der Region Düsseldorf und in Berlin, später dann bundesweit, mit einigen tausend Testnutzern, ein paar hundert Anbietern – und bemerkenswert frühen Premieren: Der Online-Pionier "Verbraucherbank" koppelte wenige Wochen nach der Inbetriebnahme seine Kontenrechner ans Postnetz und eröffnete vor genau 20 Jahren den ersten Telebanking-Service für Kontoabfragen und Überweisungen. Die Versandhäuser Otto und Quelle starteten ebenfalls schon 1980 mit Shopping-Anwendungen in den E-Commerce, mit dem sie bereits Anfang der 90er beachtliche Umsätze von knapp hundert Millionen Mark pro Jahr erzielten - zu einem Zeitpunkt, als das Thema Internet noch in weiter Ferne lag.

Eigentlich war Sam Fedidas Idee mit dem Fernseher als Online-Terminal Mitte Der 70er-Jahre nur logisch: der PC wollte ja damals erst noch erfunden werden und so war das TV-Gerät weit und breit der einzig verfügbare (Daten-)Bildschirm für Normalverbraucher - noch dazu in fast jedem Haushalt vorhanden und, so zumindest die Erwartung, mit wenig Aufwand für den Anschluss an die Telefonleitung aufrüstbar.

Beste Voraussetzungen also, und weil alles so wunderbar zusammenpasste, machte Anfang der 80er-Jahre auch schnell die Zahl von einer Million Btx-Nutzern die Runde, die innerhalb von drei oder vier Jahren am Netz sein sollten - zumindest nach Meinung von Medienwissenschaftlern, die in den Wohnzimmern der Republik ausführlich das Online-Verhalten der ersten User unter die Lupe genommen hatten. Die Million hat Btx dann auch erreicht - allerdings erst 1996.

Aus der schönen Idee, Online und Fernseher zu verheiraten, ist bekanntermaßen nichts geworden - übrigens nicht nur bei Btx. Auch viele andere interaktive Medien-Neuheiten, bei denen die Flimmerkiste im Wohnzimmer einen Nebenjob übernehmen soll, tun sich bis heute damit schwer: Der Internet-Zugang über das TV-Gerät führt trotz allgemeiner Web-Euphorie ein Mauerblümchendasein und auch das interaktive Bezahl-Fernsehen feiert hier zu Lande keine durchschlagenden Markterfolge.

Im Fall von Btx steckte in den Anfangsjahren dahinter allerdings ein
Hausgemachtes Problem von Post und Fernsehgeräte-Industrie, weil die erforderlichen Decoder mit deutscher Ingenieurs-Gründlichkeit zunächst viel aufwändiger als notwendig konzipiert wurden, dann nicht lieferbar waren und schließlich nur viel zu teuer angeboten werden konnten: tausend Mark als Eintrittsgeld für den Luxus, Medien-Pionier sein zu dürfen, leistet sich halt kein Massenpublikum.

Eher schon jene, die beruflich Online-Anschluss brauchen und die haben Btx Auch entsprechend früh entdeckt: BMW hatte bereits Mitte der 80er seine komplette Händlerschaft online, die Konkurrenz von Fiat, Renault, Nissan oder Subaru folgte auf dem Fuße. Versicherungs-Vertreter, z.B. von Iduna, kontaktierten per Btx den Server ihrer Gesellschaft und neun von zehn Reisebüros im Lande waren Ende der 80er-Jahre Btx-Anwender. Heute nennt man das neudeutsch Business-to-Business oder kurz B2B. Früher hieß es schlicht "Geschlossene Benutzergruppe", was ungefähr dasselbe ist, aber eben nicht ganz so cool klingt.

Btx wäre kein richtig deutscher Online-Dienst gewesen, wenn man dazu nicht Gleich ein passendes Gesetz erlassen hätte. Das nannte sich "Btx-Staatsvertrag" und war im Prinzip eine gute Sache - nur dann nicht, wenn man es mal brauchte. Etwa, als nach Jahren des virtuellen Dornröschenschlafs der Service Anfang der 90er endlich erwachte - und flugs zum Telepuff mutierte. Dutzende von Erotik-Anbietern machten sich auf dem Post-Server breit, was dem ohnehin angekratzten Btx-Image nicht gerade zuträglich war, aber von Rechts wegen völlig in Ordnung ging.

Weil dem Btx-Betreiber Bundespost per Staatsvertrag jede inhaltliche
Einflussnahme auf den Dienst untersagt war, konnten solche Entwicklungen nicht korrigiert werden. Und darin lag denn auch ein zentrales Problem, das jahrelang eine erfolgreiche Btx-Vermarktung und -Verbreitung behinderte: Post und Telekom rührten die Werbetrommel für einen Service, dessen Inhalt und Qualität sie eigentlich nicht interessieren durfte. Eine an Anwenderbedürfnissen orientierte Angebotsentwicklung war deshalb genauso unmöglich wie ein Marketing, das diesen Namen verdient hätte.

Keine idealen Voraussetzungen in einer Phase, in der in Sachen Online-Medien noch Pionierarbeit zu leisten war. Was blieb, waren lapidare Werbeslogans wie "Btx - damit Sie"s leichter haben", mit denen man niemandem auf die Füße trat, bei denen aber auch nicht unbedingt die rechte Lust auf Cyber-Space und Info-Highway aufkommen wollte.

Ein später heimlicher Erfolg

Trotz alledem konnte Btx zu guter Letzt doch noch mit respektablen
Anschlusszahlen aufwarten - 500 000 Teilnehmer zählte der Dienst 1994, drei Jahre später waren es schon mehr als 1,5 Millionen. Zur späten Akzeptanz beigetragen haben dabei sicherlich ein paar Dutzend guter, geldwerter Services, die sich neben dem reichlich vorhandenen Datenschrott über die Jahre wacker behaupteten. Darunter nicht zuletzt die umfassenden Online-Banking-Angebote der führenden deutschen Geld- und Kreditinstitute, über die Mitte der 90er-Jahre schon mehr als eine Million Telekonten geführt wurden.

Die beginnende Liberalisierung auf dem Telekommunikationsmarkt tat ein Übriges und erlaubte es Bundespost-Nachfolger Telekom, sich mit Vermarktungspartnern intensiver als zuvor um weitere attraktive Online-Inhalte, etwa von Verlagen, zu bemühen und den Dienst damit zunehmend auch für den privaten Nutzer interessant zu machen. Und schließlich hatte in den Haushalten längst der PC Einzug gehalten und setzte sich dort mehr und mehr als Online-Terminal durch - die notwendige Software, auch für den Btx-Zugriff aufs Internet, gab’s inzwischen ja meist kostenlos.

So ist Btx in seinen späten Jahren doch noch ein heimlicher Erfolg geworden, von dem nicht wenige profitierten: viele Info-Anbieter, weil sie dort früh Online-Erfahrungen sammeln konnten und deshalb - anders als manches Start-up - rechtzeitig zum Netz-Boom mit bereits erprobten Lösungen am Markt waren. Profitiert hat auch die Telekom, die dank der Btx-User ihren "T-Online"-Service Ende der 90er mit einem komfortablen Abonnenten-Vorsprung ins Rennen schicken konnte. Draufgezahlt haben nur die Steuerzahler: Sie hat das Online-Abenteuer Btx über die Jahre mehr
als eine Milliarde Mark gekostet.

Der Autor war von 1989 bis 1995 Chefredakteur des "Btx Magazins".

Das Ende einer Ära

Seine öffentliche Premiere feierte der Bildschirmtext 1977 auf der
Internationalen Funkausstellung in Berlin. 1980 startete dann ein Feldversuch des Dienstes, der ursprünglich als interaktiver Videotext konzipiert war, in Berlin und Düsseldorf - mit jeweils 2 000 Teilnehmern.

An den Erfolg des französischen Minitel konnte Btx nie anknüpfen - erst 1996 wurde die Marke von einer Million Nutzern erreicht, zwölf Jahre später als anfänglich prognostiziert. Im September 2000 kündigte die Telekom an, den Dienst zum 1. Dezember einzustellen.







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