Goethe 1749-1832
Hochzeitslied
Wir singen und sagen
vom Grafen so gern,
Der hier in dem Schlosse gehauset,
Da, wo ihr den Enkel des seligen Herrn,
Den heute vermählen, beschmauset.
Nun hatte sich jener im heiligen Krieg
Zu Ehren gestritten durch mannigen Sieg,
Und als er zu Hause vom Rösselein stieg,
Da fand er sein Schlösselein oben;
Doch Diener und Habe zerstoben.
"Da bist Du nun, Gräflein, da bist Du zu
Haus,
Das Heimische findest Du schlimmer!
Zum Fenster da ziehen die Winde hinaus,
Sie kommen durch alle die Zimmer.
Was wäre zu tun in der herbstlichen
Nacht?
So hab' ich doch manche noch schlimmer
vollbracht,
Der Morgen hat alles wohl besser
gemacht.
Drum rasch bei der mondlichen Helle
Ins Bett, in das Stroh, ins Gestelle!"
Und als er im willigen Schlummer so lag,
Bewegt es sich unter dem Bette.
"Die Ratte, die raschle, solange sie
mag!
Ja, wenn sie ein Bröselein hätte!"
Doch siehe! Da stehet ein winziger
Wicht,
Ein Zwerglein so zierlich mit
Ampelenlicht,
Mit Rednergebärden und Sprechergewicht,
Zum Fuß des ermüdeten Grafen,
Der, schläft er nicht, möcht' er doch
schlafen.
"Wir haben uns Feste hier oben erlaubt,
Seitdem Du die Zimmer verlassen,
Und weil wir Dich weit in der Ferne
geglaubt,
So dachten wir eben zu prassen.
Und wenn Du vergönnest und wenn Dir
nicht graut,
So schmausen die Zwerge, behaglich und
laut,
Zu Ehren der reichen, der niedlichen
Braut."
Der Graf im Behagen des Traumes:
"Bedient Euch immer des Raumes!"
Da kommen drei Reiter, sie reiten
hervor,
Die unter dem Bette gehalten;
Dann folget ein singendes klingendes
Chor
Possierlicher kleiner Gestalten;
Und wagen auf Wagen mit allem Gerät,
Dass einem so Hören als Sehen vergeht,
Wie's nur in den Schlössern der Könige
steht;
Zuletzt auf vergoldetem Wagen
Die Braut und die Gäste getragen.
So rennet nun alles in vollem Galopp
Und kürt sich im Saale sein Plätzchen;
Zum Drehen und Walzen und lustigen Hopp
Erkieset sich jeder ein Schätzchen.
Da pfeift es und geigt es und klinget
und klirrt,
Da ringelt's und schleift es und
rauschet und wirrt,
Da pispert's und knistert's und
flistert's und schwirrt,
Das Gräflein, es blicket hinüber,
Es dünkt ihn, als läg' er im Fieber.
Nun dappelt's und rappelt's und
klappert's im Saal
Von Bänken und Stühlen und Tischen,
Da will nun ein jeder am festlichen Mahl
Sich neben dem Liebchen erfrischen;
Sie tragen die Würste, die Schinken so
klein
Und Braten und Fisch und Geflügel
herein;
Es kreiset beständig der köstliche Wein;
Das toset und koset so lange,
Verschwindet zuletzt mit Gesange.
Und sollen wir singen, was weiter
geschehn,
So schweige das Toben und Tosen.
Denn was er so artig im kleinen gesehn,
Erfuhr er, genoss er im großen.
Trompeten und klingender singender
Schall
Und wagen und Reiter und bräutlicher
Schwall,
Sie kommen und zeigen und neigen sich
all',
Unzählige, selige Leute.
So ging es und geht es noch heute. |